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Alle gewinnen

166 Stunden pro Monat an ärztlicher Arbeit übernehmen im Landesklinikum Hochegg die Pflegekräfte. Die Ärzte haben mehr Zeit für den Nachwuchs, die Pflege ist zufriedener – und die Kommunikation in den Teams funktioniert nun bestens.


DGKS Petra Kronawetter, Ambulanz Pulmologie, setzt einen Venflon. Fotos: Daniel Schreiner, Renate Lang

Was tun, wenn die Ärztinnen und Ärzte zu wenig Zeit für die Ausbildung des Nachwuchses haben? Dann können diplomierte Pflegekräfte Aufgaben übernehmen. §15 des Gesundheits- und Krankenpflege-Gesetzes (GuKG) ermöglicht Pflegekräften beispielsweise, auf Anordnung von Ärzten Blut abzunehmen, Venflons und Katheter zu setzen oder Chemotherapien zu verabreichen. Mit diesem Thema beschäftigen sich immer mehr NÖ Kliniken.
Ein gutes Beispiel, wie sich Aufgaben und schlussendlich auch Dienstposten von den Ärzten zur Pflege verschieben lassen, ist das Landesklinikum Hochegg. Dort sind nun alle zufrieden: 1,2 Dienstposten aus dem ärztlichen Bereich wanderten zur Pflege. Das hat seine Zeit gedauert, sich aber eindeutig gelohnt. Ausgangspunkt für die Veränderung war das gemeinsame Analysieren der Gesamtsituation: Welchen Handlungsspielraum gibt §15 GuKG? Wie kann man aus den Zeitproblemen eine Chance machen und Neues versuchen?

Interdisziplinäre Zusammenarbeit

Das Rezept dafür, meint Hocheggs Pflegedirektorin DGKS Christa Grosz, MBA, akad. Sozialmanagerin: „Es gelingt, wenn sich Pflegekräfte und Ärzte an den Prozessen und nicht an den Besitzständen orientieren. Es muss immer um gemeinsame Ergebnisse und Lösungen gehen – das ist der einzige Weg.“ Grosz hat mit anderen Kliniken gesprochen, die sich bereits intensiver mit dem Thema beschäftigt haben, wie beispielsweise Waidhofen/Thaya. Es wurde auch ein Kooperationsprojekt mit Wiener Neustadt zu diesem Thema gestartet. Einige Aufgaben wie Infusionen anhängen oder Dauerkatheter setzen übernahm die Pflege im laufenden Betrieb „durch Leistungsverschiebung. Wir haben die Abläufe gestrafft und einige Dinge optimiert.“

Für Schritt zwei wurde der Zeitaufwand für verschiedene Tätigkeiten genau aufgezeichnet: Beispielsweise dauert eine Blutabnahme durchschnittlich drei bis fünf Minuten. Je nach Venenbeschaffenheit kann es auch einmal 15 Minuten dauern. Schwierig werden kann es beispielsweise bei Patienten, die über viele Jahre Cortison nehmen mussten oder eine Chemotherapie hatten. Das praktische Problem dabei: Ältere Pflegekräfte haben das in der Ausbildung gelernt, jüngere lernen es auch; dazwischen gibt es einige Jahrgänge, die das praktisch nie gelernt haben. Und selbst die, die es in der Ausbildung hatten, sind diese heiklen Tätigkeiten, für die man Training braucht, nicht gewohnt. Die Lösung in Hochegg: Die Verantwortlichen nahmen die Ängste und Befürchtungen der Pflegekräfte sehr ernst und sorgten dafür, dass sich alle sicher fühlten, diese Aufgaben übernehmen zu können. Eine Allgemeinmedizinerin der Pulmologie übte mit den Pflegekräften. Es gab verschiedene Infomaterialien.

Gemeinsame Lösung

Daraus ergab sich schlussendlich die Verschiebung von 166 Wochenstunden ärztlicher Arbeit hin zur Pflege. Das sind mit eingerechneter Urlaubszeit etc. 1,2 Dienstposten. Eine Veränderung mit Mehrwert: Die Turnusärzte beginnen um eine Stunde später mit der täglichen Arbeit, weil die Pflege diese leistet. Die Abteilungen haben mehr Ressourcen für die Ausbildung der Turnus- und Fachärzte, die nun bei allen Visiten dabei sind. Die Pflege mag die neuen Aufgaben und schätzt die bessere Zusammenarbeit. Und alle können besser miteinander reden, weil dies für das Schaffen dieser neuen Organisationsstruktur nötig war.
Was ist das Geheimnis dafür, dass diese Neuorganisation so gut geklappt hat? Im Gespräch mit GESUND&LEBEN INTERN waren sich alle in der Runde einig: Weil im Mittelpunkt die dringend nötige Lösung stand, und nicht die Diskussion um Dienstposten. Es war für alle klar, dass bei einer Leistungsverschiebung auch die Ressourcen in Form von Leistungsstunden bzw. Dienstposten zur Verfügung gestellt werden müssen. Das Ergebnis: Im gesamten Landesklinikum Hochegg wird der Großteil möglicher §15 GukG-Tätigkeiten vom Arzt an die Pflege delegiert. Damit haben sich viele Abläufe deutlich verbessert. Zahlreiche Telefonate fallen weg, unnötige Wartezeiten ebenso. Ein Anordnungs-Blatt macht transparent, wer wem welche Tätigkeiten angeordnet hat – ein wichtiges Werkzeug zur Qualitätssicherung.
Pflegedirektorin Grosz betont: „Die konstruktive Zusammenarbeit von Ärzten und Pflegepersonen bei der Vorbereitung und Umsetzung von Tätigkeiten im Rahmen des § 15 GukG zeichnet uns im Klinikum aus. Wir erkennen gemeinsam, berufsgruppenübergreifend, ein Problem und suchen gemeinsame Lösungen. So wird aus dem Ich und Du ein gelebtes Wir, das ist das Besondere.“

Die Herausforderungen

  • Ängste der Pflegepersonen, manche Handlings nicht erlernen zu können (Punktion der Einstichstelle, Venflons setzen, Anhängen von Zytostatika etc.), wurden ernst genommen, es gab Kurse, Kurzfilme, Schulungen im ZETT (Zentrum für Training, Entwicklung und Transfer). Eine Ärztin hat zahlreiche Pflegepersonen beim Erlernen aktiv unterstützt.
  • Das Bewusstsein schärfen, dass Pflegepersonen ihre Verantwortung und ihre Kompetenz selbstbewusst wahrnehmen (und sich nicht hinter dem Deckmantel „Arzt“ verstecken). An diesem Selbstvertrauen zu arbeiten, wird die Pflegepersonen auch in Zukunft vermehrt beschäftigen.  
  • Änderungen der Abläufe und Anpassung des Dienstplans der Pflege 
  • Anpassung der Dienstpläne der Ärzte: Dienstbeginn der Turnusärzte eine Stunde  später, da die „Morgenarbeit“ vom Pflegepersonal erledigt wird.

Die Erfolgsfaktoren

  • gemeinsamer Blick (Arzt/Pflege) in die Zukunft
  • Nutzen der Krise als Chance
  • Ängste wurden ernst genommen und darauf reagiert.
  • Pflegepersonen haben die Chance für das Berufsbild erkannt.
  • Hauseigene Ressourcen wurden genutzt (Ärztin hat geschult etc.).
  • Mit der gemeinsamen zeitlichen Bemessung von bestimmten delegierbaren Tätigkeiten entstand ein gemeinsames akzeptiertes Leistungsspektrum.

Was die Pflege übernehmen darf

Gemäß § 15 Gesundheits- und Krankenpflege-Gesetz umfasst der mitverantwortliche Tätigkeitsbereich des gehobenen Dienstes für Gesundheits- und Krankenpflege insbesondere:

  1. Verabreichen von Arzneimitteln
  2. Vorbereiten und Verabreichen von subkutanen, intramuskulären und intravenösen Injektionen, Vorbereiten und Anschluss von Infusionen bei liegendem Gefäßzugang, ausgenommen Transfusionen
  3. Blutentnahme aus den Venen und Kapillaren
  4. Setzen von transurethralen Blasenkathetern zur Harnableitung, Instillation und Spülung
  5. Durchführen von Darmeinläufen
  6. Legen von Magensonden

„Gelungen ist diese Leistungsverschiebung, weil es bei uns nicht darum geht, wem was gehört, sondern wie wir gemeinsam die beste Lösung finden.“ 
Pflegedirektorin DGKS Christa Grosz, MBA, akad. Sozialmanagerin

„Bei den Zytostatika machen wir es so, dass die Ärzte die erste Infusion verabreichen und die Pflege die weiteren Dosen übernimmt.“
DGKS Maria Lechner, MSc, Stationsleitung Palliativ­einheit/Pulmologie E

„Wir haben die Dienste so eingeteilt, dass alle Pflegekräfte so lange üben konnten, bis sie sich sicher fühlten.“
DGKS Ilse Kleinrath,MBA, stv. Pflegedirektorin, Stationsleitung Neurologie

„Dass wir uns mehr um die Ausbildung kümmern können, ist ein wichtiger Faktor für die Zukunft unseres Hauses. Durch die Verschiebungen haben wir einen kleinen Spielraum gewonnen.“
OA Dr. Johann Rappold, 1. Oberarzt Neurologie

„Ein Erfolgsgeheimnis ist, dass alle Änderungen zuerst ein Probelauf waren und alles gut begleitet wurde. Wir konnten jeden Ablauf immer wieder evaluieren und optimieren.“
OA Dr. Michael Lachmann, 1. Oberarzt Pulmologie

„Wichtig für das Gelingen war die gute Einschulung und dass die Ängste unserer Mitarbeitenden ernst genommen wurden. Man kann das üben und dann ist es kein Thema mehr.“
DGKS Helene Wachabauer, Stationsleitung Ambulanz

„Vor vier Jahren war es bei uns noch nahezu unmöglich, dass die Turnusärzte bei der Visite mitgehen konnten. Jetzt können sie. Unsere Ärzte in Ausbildung können jetzt bei wichtigen Besprechungen und beim Tumorboard dabei sein.“
Prim. Univ.-Prof. Dr. Peter Schenk, MSc, Leiter der Pulmologie

Die Allgemeinmedizinerin in der Abteilung für Pulmologie, Dr. Seham El Gayar, hat die Pflegekräfte durch viel Training auf die zusätzlichen Aufgaben wie Blutabnahme vorbereitet.