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Neue Chancen durch systematische Dokumentation

Das Onkologie-Informationssystem (OIS) ist ein wichtiger Mosaikstein im Kampf gegen Krebs: Erstmals werden flächendeckend alle Krebsfälle und sämtliche Behandlungsschritte strukturiert so dokumentiert, dass sie jedem behandelnden Arzt in Niederösterreich einfach und übersichtlich zur Verfügung stehen.


„Im Dialog“: Diskussionsrunde zum Onkologie-Informationssystem. Foto: Felicitas Matern

40.000 Menschen erkranken pro Jahr in Österreich an Krebs, etwa 7.000 Neuerkrankungen pro Jahr sind es in Niederösterreich – Tendenz steigend. In den NÖ Landes- und Universitätskliniken werden derzeit pro Jahr ca. 17.500 Krebspatientinnen und -patienten behandelt. Krebs als Krankheit steht im Zentrum des öffentlichen Interesses: Obwohl nach wie vor mehr Menschen an Herz-Kreislauf-Erkrankungen sterben, fürchten sich die Menschen deutlich mehr davor, an Krebs zu erkranken. Tatsächlich sterben pro Jahr etwa 20.000 Menschen in Österreich an einer Krebserkrankung.
In den NÖ Kliniken werden onkologische Therapien wie Operationen, Bestrahlungen, Chemo- und Immuntherapien an fast allen Standorten geleistet (außer im LK Mauer und LK Allentsteig). Fast jedes medizinische Fach führt Krebsbehandlungen durch – Chirurgie, Gynäkologie, Urologie, Strahlentherapie, HNO, Dermatologie, Neurochirurgie, Neurologie und natürlich die Innere Medizin/Onkologie. Ein wichtiger Meilenstein in der Krebstherapie ist die gemeinsame Fallbesprechung durch Expertinnen und Experten im Tumorboard: In diesem Team sind das jeweils diagnostizierende, operative oder konservative Fach (organspezifisch) – der fallführende jeweilige Facharzt ist der Casemanager, vertreten sind immer die Radioonkologie, Radiologie, Innere Medizin/Hämatoonkologie und Pathologie. Um die Kommunikation zu jenen Experten zu vereinfachen, die es nicht am jeweiligen Standort gibt (nur Krems und Wiener Neustadt haben eine Strahlentherapie), verfügen mittlerweile alle Kliniken über Videokonferenzsysteme (siehe Grafik Tumorboards).

Das OIS

Die Ergebnisse des Tumorboards werden künftig in das Onkologie-Informationssystem (OIS) einfließen und sind damit in allen Kliniken automatisch abrufbar. Das NÖ OIS ist eine strukturierte Tumor­datenbank, die sämtliche klinische Patientendaten zusammenführt, weil jeder Mediziner in diesem webbasierten System auf einen Blick sofort alle relevanten Informationen findet. Die Informationen stehen in strukturierter Form und mit immer gleichen Datenfeldern jedem onkologisch arbeitenden Arzt zur Verfügung. In einem gut zweijährigen Prozess wurde das OIS mit Medizinerinnen und Medizinern aus den NÖ Kliniken so konfiguriert, dass es systematisch durch den Krankheitsverlauf führt.
Einige Details zum OIS:  

  • Jeder Krebspatient wird im OIS erfasst.
  • Das Arbeiten im OIS ist für die Mediziner sehr gut möglich, es ist übersichtlich, leicht verständlich und chronologisch der Erkrankung aufgebaut.
  • Das komplette Tumorboard kann über das OIS organisiert und abgewickelt werden (bisher sind oft Doppeldokumentationen notwendig).
  • Wie die spitalsübergreifenden Tumorboards (siehe Grafik Seite 08) ist auch das OIS spitalsübergreifend einsetzbar und jeder kann die Informationen sofort mitverfolgen (kein Hin- und Herschicken von Befunden mehr nötig).
  • Es entsteht automatisiert das Tumorboard-Protokoll, das sofort im Krankenhausinformationssystem (KIS) erscheint.
  • Das OIS führt alle klinischen Patientendaten zusammen, sodass jeder Mediziner eines NÖ Klinikums sofort alle klinisch relevanten Informationen auf einen Blick als Webapplikation zur Verfügung hat und alle weiteren Schritte am Patienten darin auch weiter dokumentieren kann: Wenn ein Patient also in einem Klinikum operiert und im nächsten weiterbehandelt wird, sind alle Daten immer auf dem neusten Stand und alle Schritte einheitlich dokumentiert.
  • Man kann im OIS direkt dekursieren, es entsteht automatisch ein onkologischer Ambulanzbericht, der dann unmittelbar im KIS erscheint.
  • Die verpflichtende Meldung zum Krebs­register (Statistik Austria) erledigt das OIS, es gibt kein mühevolles Ausfüllen der Krebs­meldeblätter mehr.

Intensive Vorarbeiten

Einer der Anstöße für die Entwicklung dieses Systems war, dass man bisher sämtliche Zahlen über die behandelten Krebspatienten mühsam „händisch“ aus allen Kliniken und Abteilungen zusammentragen musste. Mit dem OIS kann man nun jederzeit medizinische Auswertungen pro Entität, pro Abteilung oder pro Klinikum durchführen und so das Tumorgeschehen in NÖ erheben, etwa über Verteilung der Tumore auf Regionen, Alter und Geschlecht, Überlebenszeiträume und Lebensqualität. Mit dem OIS nimmt NÖ die Vorreiterrolle in Österreich ein. Namhafte Vertreter aus Oberösterreich (wie das Tumorzentrum Elisabethinen der Gespag) haben sich bereits mit der NÖ Landeskliniken-Holding abgestimmt und verwenden das OIS zur Tumordokumentation mit nahezu gleichen Datensätzen. Bundesweit ist ein derartiges Werkzeug in Planung.
Die Entwicklung des OIS lag in den Händen von Mag. Sandra Büchse, der Fachkoordinatorin Qualitätsmanagement in der Abteilung Medizinische und Pflegerische Betriebsunterstützung der NÖ Landeskliniken-Holding: „Bisher war die Dokumentation in jedem Haus anders, teilweise musste sie handschriftlich gemacht werden, teilweise war sie sehr zeitaufwändig. Es geht mir darum, einerseits die Qualität der Behandlungen sichtbar zu machen und andererseits auch die Daten komplett zur Verfügung zu haben. Ich habe gesehen, wie Sekretärinnen in den einzelnen Kliniken bisher zwei bis drei Stunden damit beschäftigt waren, Befunde und Daten der Behandlung aus anderen Kliniken zu organisieren. Jetzt sind alle Daten auf Knopfdruck da. Das Besondere am OIS ist: Es ist keine statische Datenbank, sondern sie kann und wird ständig auf Anregungen der Mediziner weiterentwickelt, so dass sie immer mehr in den Arbeitsprozess integriert werden kann. Und mit dem OIS haben wir erstmalig die Chance, die Qualität der Behandlung abzubilden. Gleichzeitig kann es auch für die fachliche Weiterbildung der Jungärzte eine große Rolle spielen.“

Dr. Markus Klamminger, stv. Medizinischer Geschäftsführer und Leiter der Abteilung Medizinische und Pflegerische Betriebsunterstützung in der NÖ Landeskliniken-Holding: „Wir wollten ursprünglich vor allem die Tumorboards unterstützen und haben uns angesehen, was andere Gesundheitseinrichtungen dafür haben. Dann haben wir begonnen, unser eigenes System zu entwickeln, und zwar gemeinsam mit den behandelnden Ärztinnen und Ärzten. Ein Instrument wie das OIS deckt nie 100 Prozent ab, aber es ist eine landesweite Lösung. Wo wir es eingeführt haben, sehen wir eine relativ hohe Zufriedenheit und hören, dass es gut angenommen wird. Das OIS ist einerseits ein Mehraufwand in der Dokumentation, andererseits ersparen sich die Betroffenen auch einiges an Arbeit, etwa wenn sich das Krebs-Statistik-Blatt von selbst ausfüllt. In Summe ist das OIS aber ein Qualitäts-Tool, das wir gut nutzen können, denn die Onkologie wird in Zukunft eine große Herausforderung für uns sein: Die Patienten werden immer älter und damit bekommen wir mehr Krebserkrankungen. Der finanzielle Aufwand wird immer größer. Deshalb ist es enorm wichtig, dass wir für jeden Patienten die richtige, vertretbare Behandlung bereitstellen und unsere Ressourcen optimal nutzen.“

Prim. Univ.-Prof. Dr. Martin Pecherstorfer, Leiter der Abteilung für Innere Medizin 2 im Uniklinikum Krems, war im Entwicklerteam dabei und organisiert seit Jahren den NÖ Onkologietag: „Es gibt verschiedene Vorlagen für verschiedene Erkrankungen, die von den jeweiligen Spezialisten generiert wurden. Ich sehe dieses System als entscheidenden Vorteil. Gute Dokumentation wird immer wichtiger. Mit dem OIS haben wir erstmals statistische Daten zur Verfügung. Und es erleichtert die tägliche Arbeit – Arztbriefe macht man damit beispielsweise ganz leicht. Natürlich bedarf es täglicher Kontrolle, ob auch wirklich alle Befunde und Therapien eingegeben und die Daten des jeweiligen Patienten immer am letzten Stand sind. Aber das OIS ist damit auch ein sehr brauchbares Mittel, um zu zeigen, was wir leisten. Man kann auch nicht-kategorisierbare Daten eintragen, etwa ob der Patient Schmerzen hat, wie es ihm psychisch geht, wie er subjektiv die Entwicklung der Erkrankung wahrnimmt – das ist einer der Vorteile.“

Prim. Dr. Bernhard Jaritz, Leiter der 2. Medizinischen Abteilung für Gastroenterologie, Hepatologie und Onkologie im LK Mistelbach-Gänserndorf, ebenfalls im Entwicklerteam dabei: „Bei uns laufen derzeit die Schulungen der Mitarbeiter, und die sind sehr gut organisiert, sodass die Leute auch am Ball bleiben. Wir haben uns das System im Team gemeinsam angesehen: Es ist unheimlich potent und kann viel mehr als das, was wir jetzt anfangs nutzen. Das Tumorboard wird dadurch sauber aufgearbeitet, mit Anfang Juli läuft es bei uns nur mehr über das OIS.“

DGKS Maria Ostermann, Landesklinikum Wiener Neustadt, Station Chirurgie 6/1: „Die Pflege arbeitet ja nicht direkt mit diesem System, das in Wiener Neustadt derzeit im Aufbau ist. Für die Pflege ist eine gute, fundierte Ausbildung und Weiterbildung wichtig. Und wir brauchen die multidisziplinäre professionelle Zusammenarbeit mit allen Berufsgruppen, um die Patienten optimal begleiten zu können, gerade in der Onkologie. Uns geht es um die Umsetzung von Paragraph 15, um das, was wir in der Zusammenarbeit tun können und dürfen. Insofern ist es auch wichtig für uns zu wissen, was das OIS kann.“

Landesrat Mag. Karl Wilfing: „Niederösterreich hat das ehrgeizige Ziel, zu einem wichtigen Krebskompetenzzentrum zu werden. Wir haben zwei Strahlentherapien und mit MedAustron schon bald einen von weltweit nur vier dieser besonderen Ionen-Bestrahlungseinrichtungen zur Verfügung. Das OIS passt da ganz hervorragend in diese Strategie. Es bringt uns einen Qualitätssprung in der Behandlung, allein schon durch die einheitliche Erfassung der Tumorboards. Aber auch die in allen Häusern dann vergleichbare Dokumentation ist ein sehr wichtiger Vorteil in Zeiten des ständig wachsenden Wissens: Mit dem OIS bekommen wir Daten­material, das für die Krebskompetenz unerlässlich ist. Wir können daraus neue Regeln für Behandlungsstandards entwickeln. Ich bin dem Team sehr dankbar für diese wichtige Entwicklung. Oberösterreich vernetzt sich bereits mit uns, und das bedeutet für alle Beteiligten einen Vorteil. Das OIS ist ein Modell, das künftig allen anderen Bundesländern zugute kommen wird.“

Der Rollout-Plan

Bereits seit Jahresbeginn implementiert (technisch sowie Schulungsbeginn der Ärzte):

  • UK Krems
  • LK Amstetten
  • LK Wiener Neustadt Brustkrebs-Zentrum und neurologische Tumore
  • LK Horn (aus diesen vier Kliniken waren mit Anfang Juni bereits über 1.000 Patienten erfasst)
  • UK Tulln
  • LK Mistelbach-Gänserndorf

Demnächst starten:

  • UK St. Pölten (ab September)
  • LK Wiener Neustadt gesamt (ab Dezember)

Der weitere Rollout ab 2016:

  • LK Baden-Mödling, und dann sukzessive alle weiteren Standorte. Flächendeckung bis 2019

Das Team, das OIS entwickelt hat

In der Holding-Zentrale:

  • Mag. Sandra Büchse, Abteilung Medizinische und Pflegerische Betriebs­unterstützung
  • Ing. Walter Auer, Regionalkoordinator IKT für das Waldviertel
  • Mag. (FH) Thomas Pökl, Leiter Abteilung Medizinische und Pflegerische Standards und Prozesse
  • Das Team wurde unterstützt vom Medizinischen Geschäftsführer Dr. Robert Griessner und seinem Stellvertreter Dr. Markus Klamminger, Leiter Abteilung Medizinische und Pflegerische Betriebsunterstützung.

In den Landes- und Universitätskliniken:

  • Prim. Mag. Dr. Anja Bayerl, Strahlentherapie-Radioonkologie, UK Krems
  • Prim. Dr. Peter Errhalt, Pneumologie, UK Krems
  • OA Dr. Eduard Gaisfuss, Innere Medizin, LK Horn
  • OÄ Dr. Irene Hauser, Innere Medizin, LK Baden-Mödling
  • Prim. Dr. Bernhard Jaritz, 2. Medizinische Abteilung für Gastroenterologie, Hepatologie und Onkologie, LK Mistelbach-Gänserndorf
  • Prim. Univ.-Doz. Dr. Friedrich Längle, Chirurgie, LK Wiener Neustadt
  • OÄ Dr. Martina Metz, Radioonkologie und Strahlentherapie, LK Wiener Neustadt
  • Prim. Univ.-Prof. Dr. Martin Pecherstorfer, Innere Medizin 2, UK Krems
  • OA Dr. Robert Punzengruber, stv. Leitung Innere Medizin, LK Amstetten
  • Prim. Dr. Ernst Ulsperger, Innere Medizin, Internistische Intensivstation, Dialyse, Isotopenstation und med.-chem. Labor, LK Horn
  • OA Dr. Michael Vyhnalik, 1. Medizinische Abteilung, UK St. Pölten
  • Prim. Dr. Gabriele Weixler, MBA, MSc, Institut für Pathologie, LK Horn