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Sicher vernetzt

Am 10. Jänner 2017 startet die Nutzung der elektronischen Gesundheitsakte ELGA in den niederösterreichischen Kliniken.


„Behandlungsqualität und Patientensicherheit stehen im Vordergrund.“ Landeshauptmann-Stellvertreterin Mag. Johanna Mikl-Leitner

Mag. Bernhard Jany, Leiter der Abteilung Unternehmenskommunikation, moderierte „Im Dialog“.

„Das Zeitalter der Zettelwirtschaft ist vorbei.“ Landesrat Mag. Karl Wilfing

Von manchen liebgewonnenen Angewohnheiten muss man sich verabschieden, manches muss standardisiert werden.“ Dr. Markus Klamminger, stv. Medizinischer Geschäftsführer und Leiter der Abteilung Medizinische Betriebsunterstützung

NÖ Patienten- und Pflegeanwalt Dr. Gerald Bachinger macht sich seit Jahren für ELGA stark.

Ing. Mag. Jochen Pohn, Leiter der Abteilung Informations- und Kommunikationstechnologie, und sein Team sind bereit für den Start von ELGA.

„Es gibt nun einheitliche Strukturen, die eingehalten werden müssen.“ Mag. (FH) Thomas Pökl, Leiter der Abteilung Medizinische und Pflegerische Standards und Prozesse

„Der Patient hat die volle Verfügungsgewalt über seine Daten – das Selbstbestimmungsrecht bleibt somit gewahrt.“ Mag. Erika Meinolf, Leiterin der Abteilung Recht und Personal

Man sitzt beim Arzt und hat die Befunde aus dem Vorjahr vergessen, obwohl die hilfreich gewesen wären. Oder die betagte Großmutter – sie wird gefragt, welche Tabletten sie einnimmt, kann aber nur vier von acht nennen. Und ältere chronisch Kranke tun sich oft schwer, einen Überblick über ihre Medikamente und Untersuchungen zu behalten. Es gibt viele medizinische Gründe, die für die elektronische Gesundheitsakte ELGA sprechen: Relevante Gesundheitsdaten sind dort abrufbar oder sollen künftig abrufbar werden. Auf der anderen Seite gibt es Stimmen, die von Datenmissbrauch und vom „gläsernen Patienten“ sprechen. ELGA spaltet die Gemüter: Ist es Segen oder Fluch? G&L INTERN lud zu „Im Dialog“, um ein kontroverses Thema zu diskutieren.

Vorreiter NÖBIS


In den NÖ Kliniken ist es schon lange Realität: Seit Jahren werden verschiedene Befunde in einem internen Netzwerk, dem elektronischen NÖ Befund-Informationssystem NÖBIS gespeichert. Vorreiter dieser Entwicklung war das Landesklinikum Wiener Neustadt. Gemeinsam mit der Zentrale der NÖ Landeskliniken-Holding entstand dort der Kern dessen, was mittlerweile im ganzen Land bestens funktioniert: Erst gab es die Befund-Plattform nur für das Landesklinikum, dann für die Thermenregion und nun für alle NÖ Kliniken. „Bei NÖBIS ist das Korsett nicht so eng wie bei ELGA“, sagt Ing. Mag. Jochen Pohn, Leiter der Abteilung Informations- und Kommunikationstechnologie, „in NÖBIS sind auch OP-Berichte, histologische oder pathologische Befunde und Röntgenbilder gespeichert.“ Im Gegensatz zu ELGA, wo aktuell Entlassungsbriefe, Laborbefunde, Radiologiebefunde und Medikationsdaten abrufbar sind. Pohn nennt konkrete Zahlen: „Heute sind in NÖBIS bereits über 21 Millionen Befunde von 1,8 Millionen Patientinnen und Patienten gespeichert. Etwa 21.000 Mal pro Monat greifen die behandelnden Ärztinnen und Ärzte auf diese Befunde zu.“
Vieles hat sich dadurch vereinfacht: Musste früher ein Patient, der in einem Klinikum aufgenommen und in einem anderen weiterbehandelt wurde, die großen Umschläge mit Röntgenbildern mitschleppen, sind Bilder und Befunde  heute in NÖBIS jederzeit am Bildschirm abrufbar.

Dr. Markus Klamminger, der stellvertretende Medizinische Geschäftsführer und Leiter der Abteilung Medizinische Betriebsunterstützung, erinnert sich an seine aktive Zeit als Arzt zurück: „Wir mussten teilweise die Krankengeschichte eines Patienten telefonisch in einem anderen Klinikum erfragen. Wenn man Patientenbefunde von einer früheren Behandlung in einem anderen Klinikum gebraucht hat, musste man sie anfordern, sie wurden dort ausgehoben und ins Klinikum transportiert. Heute reicht ein Mausklick. NÖBIS, aber auch ELGA, bietet viele Vorteile.“ Der Nutzen für Patientinnen und Patienten ist somit klar: Radiologische Befunde aus Horn kann man im Wiener AKH einsehen, der Laborbefund aus dem Wilhelminenspital liegt auch der Ärztin im Universitätsklinikum St. Pölten vor, wenn sie Daten daraus braucht.
Landesrat Mag. Karl Wilfing erinnert sich an einige Spitalbesuche, zu denen er Befunde mitbringen musste: „Das ist zum Glück nicht mehr notwendig, es geschieht alles elektronisch. Ein riesengroßer Fortschritt.“ Auch die Apotheken sollen, sobald sie technisch in der Lage sind, die Medikation der Patienten in ELGA eintragen, damit kann man Wechselwirkungen besser einschätzen. ELGA sieht Wilfing als logische Entwicklung. Und: „Jede Veränderung erzeugt kurzfristig Irritation, aber es wird sich rasch einspielen“, meint er. Wilfing hat die Entwicklung von ELGA unterstützt, „denn sie ist zum Wohle der Patienten, da alles klar dokumentiert ist. Damit werden Verwechslungen und Falschinformationen hintangehalten. NÖBIS hat sich bestens bewährt, niemand würde es mehr rückgängig machen wollen. Es bedeutet eine Vereinfachung für die Patienten, die Zeit der Zettelwirtschaft ist vorbei.“

Einer, der sich immer für ELGA stark gemacht hat, ist Dr. Gerald Bachinger. Als NÖ Patienten- und Pflegeanwalt stelle er immer die Frage nach dem Nutzen für die Patienten in den Mittelpunkt, sagt er: „Die Patienten wollen eine optimale Behandlung, und dafür ist es gut, wenn die Ärzte wissen, was schon geschehen ist, weil sie in frühere Befunde oder Arztbriefe schauen können. Man braucht ärztliche Fachqualität und raschen Infoaustausch über die verschiedenen Schnittstellen.“ Aus seiner jahrelangen Erfahrung weiß er, dass ärztliche Behandlungsfehler teilweise passieren, weil relevante Infos nicht zeitgerecht am richtigen Ort sind. ELGA ist also ein Beitrag für Patientensicherheit und Qualität. Seit 2002 befasst er sich mit ELGA, war bei der Machbarkeitsstudie dabei und in „gefühlten tausend Arbeitsgruppen“. Dass ELGA von einigen niedergelassenen Ärzten boykottiert wird, kann er nicht nachvollziehen: „Manche Ärzte beklagen, dass sie zu wenig Mitspracherecht hatten, dabei waren sie von Anfang an eingebunden.“ Bachinger mutmaßt, dass es bei der Kritik mehr um Standespolitik als um fachliche Notwendigkeit geht.

Vernetzungssystem

Genau genommen ist ELGA ein Vernetzungs­system: Es bietet Ärzten und Kliniken Zugang zu Dateien, die gespeichert werden, etwa zum Allergietest im Labor, zum Röntgenbefund oder zum Entlassungsbrief aus dem Krankenhaus. ELGA ist die Verbindung, die zwischen diesen Daten gelegt wird, die verschlüsselt ist und bei der Patienten online einsehen können, was über sie abrufbar ist.

Trotz aller Sicherheitsmaßnahmen und gesetzlich vorgeschriebener Transparenz wird ELGA angefeindet. Einer der Kritikpunkte ist der Datenschutz. Können Daten missbräuchlich verwendet werden?

Mag. Erika Meinolf, Leiterin der Abteilung Recht und Personal, sagt: „Der Datenschutz ist sehr umfangreich sichergestellt. Datenschutzrechtliche Bestimmungen und bestehende Regelungen wie etwa die Patientencharta gelten uneingeschränkt weiter.“ Sie erinnert an die Anfänge von ELGA: „Man hat lange über eine Opt-in- bzw. Opt-out-Konstruktion diskutiert: Da man von den Vorteilen von ELGA in Hinblick einer optimalen Patientenversorgung überzeugt war, hat man sich für das Opt-out (jederzeitige Möglichkeit sich von ELGA abzumelden, Anm.) entschieden.“ Das Selbstbestimmungsrecht bleibt gewahrt, betont sie: „Neben zahlreichen Informationen für die Betroffenen gibt es für die ELGA-Teilnehmenden selbst die Möglichkeit des situativen Opt-outs, das heißt, gewisse Befunde zu sperren oder manche Ärzte vom Zugriff auszunehmen. Außerdem: Jeder Zugriff wird protokolliert. Das Protokollierungssystem ermöglicht eine lückenlose Nachvollziehbarkeit der Verwendungsvorgänge in ELGA und stellt eine der vielen angemessenen Datenschutzgarantien bei ELGA dar. Bei Zuwiderhandeln drohen Strafen. Die Rechte der Patienten und die Grundsätze der Datensicherheit sind umfassend gewährleistet.“
Für Patientenanwalt Bachinger ist ein weiterer wesentlicher Punkt: Herr und Frau Österreich werden nun zu Herren und Frauen ihrer Gesundheitsdaten: „Wissen ist Macht. Diese Macht geht nun an die Patienten. Das mag vielleicht auch ein Grund sein, warum ELGA oft angefeindet wird. Man hat nun Zugriff auf seine Gesundheitsdaten, kann sich einloggen und jederzeit nachschauen.“ Da nicht alle Menschen über einen elektronischen Zugang verfügen und weil es natürlich auch Probleme geben kann, wird ab Jänner in der NÖ Patienten- und Pflegeanwaltschaft eine eigene Ombudsstelle eingerichtet.

Was ändert sich?

In den NÖ Kliniken laufen bereits seit langem intensive Vorbereitungen für ELGA. Schritt für Schritt wurden NÖBIS und ELGA gekoppelt. Nun sind die technischen Notwendigkeiten erledigt, derzeit stehen die letzten der umfangreichen  Funktions- und Sicherheitstests an. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind eingeschult, alle Vorbereitungen für die Arbeit am Computer erledigt, alle Dokumente auf die Anforderungen von ELGA umgestellt. IKT-Leiter Jochen Pohn und sein Team sind gefordert, im Jänner 2017 startet ELGA in den NÖ Kliniken. „Wir springen nicht ins eiskalte Wasser, sondern nur ins lauwarme“, sagt er besonnen, „denn wir sind sehr gut vorbereitet.“ Was ändert sich für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter? „Für die Ärztinnen und Ärzte ändern sich keine konkreten Arbeitsschritte. Technologisch ist es das gleiche Befundauskunftssystem wie bei NÖBIS. Was neu ist: Für Entlassungsbriefe, Radiologie- und Laborbefunde gibt es nun einheitliche Strukturen, die eingehalten werden müssen. Und alle Entlassungsbriefe werden elektronisch validiert. Das ist der Tribut an die technologische Zeit“, sagt Mag. (FH) Thomas Pökl, Leiter der Abteilung Medizinische und Pflegerische Standards und Prozesse. Der Mediziner Klamminger meint dazu: „Von manchen liebgewonnenen Angewohnheiten muss man sich verabschieden, manches muss standardisiert werden. Jeder Abteilungsleiter hat seinen Entlassungsbrief anders aufgebaut, nun gibt es einheitliche Vorgaben. Ich glaube, in fünf Jahren wird keiner mehr drüber reden.“

Fazit?

Wie lautet das Fazit? Patientenanwalt Bachinger sagt: „ELGA ist nicht die eierlegende Wollmilchsau. Aber eine integrierte Versorgung funktioniert ohne flüssigen Infoaustausch und ohne ein Werkzeug wie ELGA nicht. Auch das Thema Primärversorgungszentren ist ohne ELGA undenkbar. Die Infos müssen zusammenfließen.“

Für Erika Meinolf ist wesentlich: „Nicht der Patient, sondern die Daten sollen laufen. ELGA soll daher zur besseren und schnelleren Verfügbarkeit medizinischer Informationen beitragen.“

Landesrat Wilfing ist überzeugt: „ELGA ist ein weiterer Schritt, um die Qualität der Patientenversorgung zu heben. Es gibt kein anderes medizinisches Projekt, das so lang diskutiert und so gut vorbereitet wurde. Endlich startet es.“
Landeshauptmann-Stellvertreterin und NÖGUS-Chefin Johanna Mikl-Leitner: „Wir haben eines der besten Gesundheitssysteme der Welt, in das wir jährlich zwei Milliarden Euro investieren. Die Ausgaben für die Gesundheitsversorgung werden nicht weniger, doch hier sind sie gut investiert. Und der Patient bestimmt selber, was er freigibt: Datenschutz und Patientenschutz sind kombiniert.“
Und was meinen die Patientinnen und Patienten? In Wien und der Steiermark, wo ELGA seit einem Jahr läuft, zeigt sich, dass Patienten kaum von der Möglichkeit Gebrauch machen, den Zugriff auf Befunde in ELGA nicht zu erlauben: Nur 0,5 bis 0,7 Prozent nutzen die Option des „Situativen Opt-out“, um zu verhindern, dass Befunde in ELGA aufscheinen. Nur insgesamt drei Prozent haben sich von ELGA abgemeldet. Damit zeigt sich, was auch eine Umfrage 2014 bestätigt: Die Patienten wollen ELGA – weil die Vorteile überwiegen.