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Themen in der Pflege

Die Gesellschaft verändert sich – und damit verändern sich auch die Fragen, die die Pflegekräfte rund um ihre Arbeit beschäftigen. In der NÖ Landeskliniken-Holding wird sich das mit einer eigenen Abteilung für die Pflege niederschlagen.


Foto: Felicitas Matern

Die 3.500 Ärztinnen und Ärzte in den NÖ Landes- und Universitätskliniken können ihre Leistungen nur erbringen, wenn sie mit den 10.200 Frauen und Männern in den Pflegeberufen Hand in Hand arbeiten. Ob Gehobener Dienst oder Pflegehilfe – Pflegekräfte sind unersetzliche und für die Patientinnen und Patienten im Alltag präsente Ansprechpersonen im Behandlungsprozess. Derzeit gibt es zahlreiche Themen, die diese größte Personengruppe in den NÖ Kliniken beschäftigen – und manchmal verunsichern. GESUND&LEBEN INTERN lud daher zu „Im Dialog“, um mehr über die derzeit heißen Themen zu erfahren. Eines
vorweg: Ja, es werden sich Dinge verändern.
Aber ganz klar: Nein, es gibt keinen Grund für Verunsicherungen oder Besorgnis.

Bedeutung der Pflegekräfte für die Kliniken

Mag. Karl Wilfing, Landesrat: „Die Pflegekräfte in unseren Kliniken erbringen Tag für Tag großartige Leistungen. Das belegt Jahr für Jahr die Patientenbefragung und das zeigen die zahlreichen Danke-Briefe, die in der Landesregierung und den Kliniken einlangen. Und nicht zuletzt habe ich es selbst als Patient erlebt. Deshalb finde ich es unerträglich, wenn unsere Pflegekräfte durch die verschiedenen Meldungen verunsichert werden, die es wegen der offenen Fragen auf Bundesebene gibt. Wir warten auf den Entwurf für das neue Pflege­gesetz. Der Bund muss uns die Richtlinien vorgeben, mehr nicht; aber erst dann können wir als Land sie umsetzen.
Die Veränderungen, die es jetzt an unseren Kliniken gibt, sind nötig, weil sich unsere Gesellschaft und natürlich auch die Medizin verändert: Themen wie kürzere Verweildauer und tagesklinische Prozesse verursachen wesentlich mehr Arbeit für die Pflege, ebenso die steigende Zahl alter und auch dementer Menschen, und darauf müssen wir antworten. Die daraus entstehenden Veränderungen gehören zu einem dynamischen Prozess und es ist unausweichlich, dass sie manche Unsicherheiten erzeugen, weil es eben auch unterschied­liche Geschwindigkeiten der Veränderung in den einzelnen Kliniken gibt. Es geht darum, welche Berufsgruppe welche Leistungen am effizientesten, sparsamsten und wirtschaftlichsten erbringen kann. Was wer tut, muss neu definiert werden – das betrifft die Ärzte ebenso wie die Pflege. Die NÖ Landeskliniken-Holding steuert das so, dass daraus alle Berufsgruppen profitieren. Diese Fragestellungen sind jedenfalls kein Grund für Verunsicherungen.“

Thema Berufsbild neu & Ausbildung

Derzeit arbeitet die Bundesregierung an einem neun Gesundheits- und Krankenpflegegesetz (GuKG). Inhalt: eine dreistufige statt bisher zweistufige Qualifikation der Pflegeberufe – Gehobener Dienst, Pflege-Fachassistenz und Pflegeassistenz. Schon seit einigen Jahren werden Pflegekräfte parallel zu den Pflegeschulen an den NÖ Kliniken auch an Fachhochschulen ausgebildet. Wie verändert das das Berufsbild im Gehobenen Dienst? Und wie werden die Aufgaben in den drei Qualifizierungsstufen verteilt?

Roman Gaal, MSc, MAS, Bereichsleiter Pflege und nicht ärztliche Gesundheitsberufe und stv. Abteilungsleiter Medizinische und Pflegerische Betriebsunterstützung: „Wir wissen, dass es viel Verunsicherung gibt. Deshalb sage ich das hier ganz klar: Nein, es gibt keine Mehrklassen-Pflege. Nehmen wir zum Beispiel die Ausbildung in den Pflegeschulen und Fachhochschulen (FH): Für die Absolventinnen und Absolventen dieser zwei Ausbildungswege ist in den Kliniken in der Praxis alles beim Alten geblieben. Das wird auch so bleiben, wenn künftig die Assistenzberufe an den Schulen und der Gehobene Dienst vielleicht irgendwann nur mehr an den Fachhochschulen ausgebildet wird. So ist es ja auch bei den medizinisch-technischen Berufen gelaufen: Sie werden jetzt nur mehr in den Fachhochschulen ausgebildet. In der Praxis in den Kliniken hat sich dadurch aber nichts verändert.“

DPGKP Anton Brachner, MSc, Leitung Psychiatrische Gesundheits- und Kranken­pflegeschule LK Mauer: „Ein Papier des Österreichischen Bundesinstituts für Gesundheitswesen (ÖBIG) analysiert, dass der Gehobene Dienst immer mehr Managementaufgaben übernimmt und einerseits immer mehr überfordert, andererseits gleichzeitig aber auch oft unterfordert ist. Der Unterschied zwischen den Absolventen unserer Schulen und jenen der Fachhochschulen ist nur der, dass die FH-Studierenden ihre Arbeit wissenschaftlich  mehr absichern. Die Schulen streben eine Kooperation mit den FHs an, denn wir haben viel Know-how im Bereich der praktischen Ausbildung, das wir einbringen möchten und das sonst verloren geht. Das ist etwa in den Zentren für Entwicklung-Training-Transfer (ZETT) denkbar, oder auch bei den Sonderausbildungen. Dem müsste aber auch im neuen Gesetz Rechnung getragen werden. Das heißt, circa ein Fünftel der jeweiligen Ausbildung muss verbindlich in diesem Bereich absolviert werden. Ich halte eine Kooperation für einen besseren Weg, als langfristig zwei Ausbildungswege beizubehalten. Zur Assistenzausbildung in der Pflege: Schul­direktoren und NÖ Landeskliniken-Holding sind der Meinung, dass für die künftige Pflege-Fach­assistenz eine viersemestrige Ausbildung notwendig ist, denn das diskutierte Tätigkeitsprofil zeigt, dass sie selbstverantwortlich arbeiten können sollen.“

Dr. Markus Klamminger, Leiter der Abteilung Medizinische und Pflegerische Betriebsunterstützung und stv. Medizinischer Geschäftsführer: „Die Pflege hat sich immer schon sehr für Weiterbildungen interessiert. So ist unser Bildungskatalog sehr von der Pflege getriggert, die diversen Zusatzausbildungen sind sehr gefragt. ZETT ist in Zukunft ein wichtiges Werkzeug, wir schauen uns das auch für interdisziplinäre Schulungen an. Eines darf ich heute ankündigen: Die Pflege als größte Berufsgruppe mit mehr als 10.000 Köpfen wird sich auch demnächst in der Struktur der Abteilungen in der NÖ Landeskliniken-Holding widerspiegeln – sie bekommt eine eigene Abteilung.“

Thema Entlastung der Ärzte

Seit der Übernahme durch das Land NÖ und seit Inkrafttreten des NÖ Spitalsärztegesetzes, dessen Fokus von Anfang an auf eine Reduktion der Überstunden gerichtet ist, hat sich die Anzahl der Spitalsärzte in Niederösterreich stetig vermehrt. Dennoch gibt es nach wie vor – vor allem wegen der Herausforderungen der neuen Ärzteausbildung in den Kliniken etwa durch das Klinisch-Praktische Jahr oder aber die Turnus-Ausbildung – einige Bereiche, in denen die Ärztinnen und Ärzte weiter entlastet werden können. Der Gehobene Dienst kann in diesen Bereichen Aufgaben von den Ärztinnen und Ärzten übernehmen. Einige Aufgaben können sofort in die Hände der Pflege gelegt werden (geregelt in § 15 GuKG), wie etwa Blutabnahmen oder das Setzen von Venflons; allerdings wird auch eine Ausweitung des § 15 diskutiert. Historischer Hintergrund: Nach dem Pflegeskandal im Krankenhaus Lainz in Wien und gefördert durch die damalige Ärzteschwemme mit dreijähriger Wartezeit auf einen Turnusplatz haben die Ärzte Aufgaben von der Pflege übernommen, jetzt schlägt das Pendel in die andere Richtung aus.

Dr. Evelyn Fürtinger, MAS, Pflegedirektorin LK Wiener Neustadt und Vorsitzende der ARGE der Pflegeberufe: „Was im § 15 GuKG möglich ist, wird in der Ausbildung gelehrt, der Gehobene Dienst kann das. Aber der Dienstgeber muss das auch wollen. Wir müssen also über die Qualifikationskaskade reden, und ebenso über die Dienstpostenbewirtschaftung.“
DGKS Cornelia Kohlweiss, MBA, Stationsleitung Unfallchirurgie 1 und Plastische Chirurgie 5 im Universitätsklinikum St. Pölten: „Wir haben im Universitätsklinikum St. Pölten mit der Interdisziplinären Entlassungsstation eine Station, die in ihrer vorgesehenen Tagesstruktur komplett ohne Arztbesetzung arbeitet. Das funktioniert, hier übernimmt das Diplomierte Pflegepersonal natürlich auch Aufgaben wie Blut­abnahme oder Venflonsetzen.“

Anton Brachner: „Langfristig braucht die Pflege auch eine ihrer Qualifikation entsprechende
Verantwortungskompetenz: Wundmanagement-Spezialistinnen in der Pflege sollen selbst verordnen dürfen, zum Beispiel welches Material der Patient braucht. Derzeit weiß es der Wund­manager, schreibt es auf, und der Arzt, der sich womöglich im Detail bei weitem nicht so auskennt, verordnet es dann. Diese Verantwortung gehört der Pflege übergeben, auch in anderen Bereichen.“

Markus Klamminger: „Das ist in vielen Ländern bereits so, und das kann ich mir bis hin zur Insulin­einstellung vorstellen.“

Roman Gaal: „Wir haben in einigen Kliniken OP-Schwestern, die den Ärzten beim Operieren assistieren. Das funktioniert wunderbar. Allerdings verursacht es Verunsicherung, wenn man Routinen bricht.“

Thema Entlastung der Pflege

Aber auch die Pflege braucht Entlastung – wie soll das konkret geschehen? Verschiedene Ansätze sind in den Kliniken teilweise schon versuchsweise im Einsatz, andere sollen ausprobiert werden. Dazu gehören Dokumentations-Assistenzen, Stationssekretärinnen für Ärzteschaft und Pflege, MOAs (Medizinisch-Pflegerische Organisations-Assistenten), Abteilungshelfer, die zum Beispiel die Wäsche nachfüllen, oder Servicekräfte, die die Hausarbeit an den Stationen übernehmen und teilweise auch den Patienten beim Essen helfen können (wenn zum Beispiel jemand mit Gips, der sonst gesund ist, nicht selber den Löffel zum Mund führen kann. Im Gegensatz zu einem Patienten auf einer Neurologie, der Schluckschwierigkeiten hat – der wird weiterhin von der Pflege versorgt). All das wird getestet und evaluiert.
Evelyn Fürtinger: „Wir müssen wirklich schnell handeln, um einem Kollaps in der Pflege vorzubeugen! Das bezieht sich auf den gesamten Pflegebereich in Niederösterreich: Wir Pflegekräfte sind ein wichtiger Teil des Sozialstaates, und in Zukunft kommen noch größere Aufgaben auf uns zu, weil die Menschen älter werden. Die Pflege ist derzeit wie ein Sandwich-Kind – alles, was an Aufgaben überbleibt, landet bei ihr. Einerseits wird sie mit Verwaltungsaufgaben zugepflastert wie zum
Beispiel mit der Inventur auf den Stationen. Natürlich hat auch sie, wie die Ärzte, viel zu dokumentieren. Andererseits wird gefordert, dass die Pflege immer mehr die Ärzte entlasten soll. Pflege wird immer mehr zur Management-Aufgabe.“

Cornelia Kohlweiss: „Der Gehobene Dienst für Gesundheits- und Krankenpflege muss erst lernen, Aufgaben abzugeben – aber das geht nicht so schnell, weil man jahrelang mit definierten Tätigkeiten betraut war und weil die Pflegehilfen teilweise noch nicht so weit sind, um diese zu übernehmen. Die Pflegehilfe kann beispielsweise subkutane Injektionen verabreichen – wenn das Diplomierte Pflegepersonal ihnen diese Aufgabe überträgt. Wenn die Diplomierten sicher sind, dass es durch diese Anleitungs- und Über­wachungstätigkeiten zu keiner Mehr­arbeit kommt, wird es auch funktionieren.
Allerdings brauchen wir dann auch für die Pflegehilfe Unterstützung, denn sonst fehlen uns da wieder Ressourcen. Es gibt bei uns einzelne Stationen mit Servicekräften – eine gute Lösung. Ich kann mir auch gut vorstellen, dass man beispielsweise Stationssekretärinnen zusammenfasst und ihnen im Team mehr Aufgaben übergibt, zum Beispiel Telefongespräche und die Terminorganisation.“

Roman Gaal: „Es gibt in vielen Kliniken in Niederösterreich schon Modelle zur Entlastung der Pflege – aber bis das flächendeckend funktioniert, dauert es noch. Die Frage ist: Welche Qualität brauchen wir wo in welcher Anzahl? Das herauszufinden ist ein lebender Prozess, der sich Zug um Zug langsam einspielt. Es ist ganz klar, dass es schwer für die Pflege ist, gelebte Dinge aus der Hand zu geben. Aber der Gehobene Dienst muss wissen, was in welcher Dichte und Komplexität an die nachgeordneten Kräfte wie die Pflegehilfe abgegeben werden kann. Und die Pflegehilfe muss die Qualifikation erwerben, um diese Aufgaben übernehmen zu können. Natürlich verunsichert all dies in den Kliniken, aber dafür gibt es wirklich keinen Grund.“

Karl Wilfing: „Ja, die Dinge werden sich ändern. Aber ich betone: Davor muss sich niemand fürchten. Das verspreche ich.“